Dienstag, 9. März 2010

Sie erzählten mir ihre Geschichte


Augenzeugenberichte über die Ereignisse in der Azusa Street 312 aus den Jahren 1906-1910: Wunder, Nebel, Feuerflammen als Auftakt zu den Anfängen der amerikanischen Pfingstbewegung

Eine Rezension des Buches von Tom Welchel: They told me their Stories




Entstehung und Zweck des Buches

Im April des Jahres 1906 erlebte die amerikanische Pfingstbewegung in der Azusa Street 312 in Los Angeles ihre Geburtsstunde. Es soll ein neues Pfingsten wie jenes in Apostelgeschichte 2 gewesen sein. Die Menschen wurden vom „Heiligen Geist“ erfüllt, redeten in Zungen und wirkten viele Wunder und Zeichen. Der schwarze Prediger William Seymour (1870-1922) sowie der weiße Prediger Charles Parham (1873-1929), die beide der amerikanischen Heiligungsbewegung angehörten, waren Schlüsselfiguren dieser Erweckung. Übernatürliche Ereignisse begleiteten die ersten drei Jahre der Pfingsterweckung. Die Pfingstbewegung breitete sich schnell weltweit aus und führte in Deutschland im Jahre 1909 zur Berliner Erklärung, in der sich die Gemeinschaftsbewegung von dem Wirken dieses „Pfingstgeistes“ distanzierte.

Der Amerikaner Tom Welchel wurde im Jahre 1943 geboren und bekehrte sich mit 17 Jahren in pfingstlichen Kreisen. 1966 empfing er die Prophetie, dass er eines Tages die Geschichten der Ereignisse der Azusa Street 312 aus den Jahren 1906-1910 in Form eines Buches veröffentlichen werde. Welchel war zwar viel zu jung, um selbst die damaligen Ereignisse erlebt zu haben, aber er hatte in der Pisgah Mission, Los Angeles, viele Kontakte zu Augenzeugen und kannte ihre Schilderungen über die „Erweckung.“ 40 Jahre nach der Prophetie wurde das Buch mit dem Titel They told me their Stories - Sie erzählten mir ihre Geschichte - herausgegeben. Die folgenden Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe des Verlages Dare2dream Books (Mustang, Oklahoma, 2.Auflage) aus dem Jahre 2008. Das Buch enthält Berichte von Personen, die in den Jahren 1906-1910 die Ereignisse in der Azusa Street 312 selbst miterlebt hatten.

Im Vorwort wird betont, dass das Buch von Tom Welchel der Jugend dieser Welt gewidmet ist. Sie soll sehen, dass Gott nicht nur Leiter wie William Seymour, Charles Parham und Frank Bartleman gebrauchte, sondern auch Teenager und junge Leute. „Die Inspiration der Jugend“ ist demnach eines der Hauptanliegen dieses Buches (S.III).

Eine weitere Absicht des Buches ist es, dem Leser die „Shekina Gottes“ - die Herrlichkeit Gottes - in den Ereignissen in der Azusa Street 312 vor Augen zu malen. Der Begriff שׁכִינָה schekijnah ist ein Begriff des Talmuds und bezeichnet dort die Präsenz Gottes in der sinnlichen Welt, und zwar sowohl im örtlichen Sinn (z.B.in der Stiftshütte) als auch im geistigen (z.B. als Inspiration der Propheten). Im Vorwort auf Seite IV des Buches wird 1Joh 1,1 zitiert: „Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben – das proklamieren wir.“ Auf diese Weise wird dem Leser suggeriert , dass die sichtbaren Ereignisse, die spürbaren Empfindungen, die mit den Sinnen wahrnehmbaren Erfahrungen der Azusa Street das sind, „was wir mit unseren Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben...“

Doch die wichtigen Teile des Verses wurden einfach ausgelassen: „ … was unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens – und das Leben ist offenbart worden, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das bei dem Vater war und uns geoffenbart worden ist -; was wir gesehen und gehört haben, verkündigen wir auch euch…“ Der ganze Vers spricht vom Wort des Lebens, von der Person JESU CHRISTI, und keineswegs von Wundern und Zeichen oder übernatürlichen Erfahrungen. Damit wird der Blick des Lesers bereits von Anfang des Buches an von Jesus regelrecht weggelenkt und auf charismatische Manifestationen gerichtet. Diese sehr subtile Verdrehung der Schrift und Verschiebung des geistlichen Augenmerks weg von Jesus zu äußeren Manifestationen ist typisch für viele pfingstlich-charismatische Kreise.

Billye Brim ,die der Wort-des-Glaubens-Bewegung angehört, verweist in ihrem Vorwort zu dem Buch, dass Charles Parham und William Seymour im Jahre 1910 die „100-Jahr-Prophetie“ von sich gaben, wonach in 100 Jahren - also im Jahre 2010 - die Herrlichkeit Gottes sich erneut in Wundern und Zeichen manifestieren und die Ereignisse der Azusa Street im Jahre 1906 bei weitem übertreffen werde. Billye Brim sieht die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten in Jerusalem (Apg 2) als den „Frühregen des Geistes“ und die Ausgießung in der Azusa Street im Jahre 1906 als den „Spätregen des Geistes“ an - eine Erfüllung der Schriftworte aus Joel 2,23 und Jakobus 5,7 (S.VII-VIII). Auch Billye Brim verweist auf die vielen Wunder und Zeichen, die Menschen aus der ganzen Welt nach Los Angeles brachten.

Folgende Autoren des Buches werden benannt: (1) die „Heiligen der Azusa Street“ (die Erzähler der Geschichten); (2) Tommy Welchel, der die Geschichten in seinem Gedächtnis bewahrte und (3) Edward Morris sowie Cindy McCowan (die Herausgeber des Buches). Der allerwichtigste Autor ist natürlich Gott selbst, der es so führte, dass 40 Jahre, nachdem Tom Welchel die Geschichten über die Azusa Street hörte, ein Buch zu diesen Ereignissen herausgegeben wurde (S. IX). Obgleich man einen hohen Anspruch mit dem vorliegenden Buch verknüpft, da schließlich Gott selbst „Mitautor“ war, weist Billye Brim darauf hin, dass Geschichten, die von Mund zu Mund weitererzählt wurden, auch Fehler enthalten können, von denen manche in der 2. Auflage bereits korrigiert wurden (S.X).

Ein Thema, das sich durch das gesamte Buch zieht, ist die „Shekina-Herrlichkeit“, die sich in der Azusa Street zeigte; darunter versteht man die sichtbare Gegenwart Gottes unter seinem Volk. Ferner verweist das Buch auf das verzehrende Feuer in 2Mose 24,16-17 (S.XIV) und bringt die Ereignisse in der Azusa Street 312 mit dem dortigen „Feuer Gottes“ in Verbindung. Hier begegnet uns eine Form von charismatischer Schriftauslegung, die Bibelstellen nach Belieben für ihre Zwecke umdeutet. Die angeführten Bibelstellen stammen aus dem Alten Testament. Im Alten Bund war Gottes Gegenwart tatsächlich in Form einer Wolken- oder Feuersäule, in Form der „Shekina“ für den Israeliten sichtbar. Doch im Neuen Testament wohnt Gott durch den Heiligen Geist in den Gläubigen. Die Herrlichkeits-Wolke, die Shekina oder der Nebel, der im Gebäude der Azusa Street 312 zu sehen war, kann nicht die Herrlichkeit Gottes gewesen sein, denn Jesus wohnt seit seiner Himmelfahrt unsichtbar in den Herzen der Gläubigen und in der Herrlichkeit bei seinem Vater.

Jean Darnall die ihren Dienst als Pastorin des Angelus Tempels im Jahre 1944 begann, war die Nachfolgerin der bekannten und zugleich umstrittenen pfingstlichen Heilungspredigerin Aimee Semple-McPherson. Jean Darnall war es, die über Tommy Welchel prophezeite, dass er alle Geschichten, die er von den „Azusa Street Heiligen“ in der Pisgah Mission gehört hatte, in einem Buch zusammenfassen werde (S.3). Auch Jean Darnall war eine „Augenzeugin“ der Ereignisse in der Azusa Street 312, wenngleich sie damals erst drei Jahre alt war.

Die Prophetie von Jean Darnall, ein Buch über die Ereignisse der Anfänge der amerikanischen Pfingstbewegung zu schreiben, erhielt Tommy Welchel im Jahre 1966 während einer Konferenz zum 60. Jahrestag der Azusa Street 312, die von Demos Shakarian und der von ihm gegründeten Organisation Full Gospel Businessmen`s Fellowship (Geschäftsleute des Vollen Evangeliums) im Angelus Tempel organisiert worden war. Einige Zeitzeugen der Azusa Street 312 waren während dieser Konferenz zugegen und berichteten von ihren Erlebnissen. Jean Darnall kam zu Ohren, dass Tommy Welchel wie kein anderer viele der Geschichten damaliger Zeitzeugen kannte. Daraufhin ging sie auf Welchel zu und prophezeite über ihm (S.4-5).

Fassen wir zusammen: Jean Darnall empfängt zuerst die Information, dass Tommy Welchel wie kein anderer die Geschichten der Augenzeugen der Azusa Street 312 kennt. Erst dann prophezeit sie über Welchel, dass er die Berichte in einem Buch zusammenfassen wird. Tommy Welchel erfüllt schließlich die Prophetie nach vierzig Jahren, indem er genau das tut, was über ihn prophezeit wurde. Es stellt sich die Frage: Handelt es sich um echte Prophetie oder um Manipulation (sich selbst erfüllende Prophetie)?

40 Jahre später kam es durch ein „göttliches Zusammentreffen“ dazu, dass das Buch mit den Zeugnissen der Zeitzeugen veröffentlicht wurde. Natürlich sah Welchel darin „Gottes Zeitplan,“ und Welchel sieht in der Zahl 40 einen tieferen geistlichen Sinn. 40 Jahre wandern die Israeliten durch die Wüste, 40 Tage war Noah in der Arche, jeweils 40 Jahre lang regierten Saul, David und Salomo, und 40 Tage lang wurde Jesus in der Wüste versucht (S.6). Weil es eine Reihe von Bibelstellen mit der Zahl 40 gibt, sehen die Autoren des Buches in der Spanne von 40 Jahren bis zur Niederschrift des Buches ein Zeichen göttlicher Beglaubigung. Kriterium ist hier, wie so oft in der charismatischen Prophetie, nicht die Schrift, sondern äußerliche Übereinstimmungen oder Zufälle.

Es folgt die Vorstellung des Autors Tommy Welchel. Er bekehrte sich im Jahre 1960 als 17-Jähriger und stieß zur Pisgah Mission in Los Angeles. Dort traf er auf viele Augenzeugen der Ereignisse der Azusa Street, die ihm ihre Geschichten erzählen (S.7-13). Die Pisgah Mission beherbergte bereits zur Zeit der Erweckung nach den Jahren 1906 viele Pfingstler. Nach dem Tod des Gründers Dr. Yoakum wurde die Mission von zwei Frauen weitergeführt, die auch zu Aimee Semple-McPherson regen Kontakt hatten. In den 1950ern übernahm Reverend Harold Smith die Missionsstation mit einer großen Vision für Erweckung. Viele der ehemaligen Zeitzeugen der Erweckung in der Azusa Street 312 wohnten nun auf dem Gelände der Pisgah Mission, und Tom Welchel hatte in zahlreichen Gesprächen die Gelegenheit, viele Details über die Ereignisse in der Azusa Street in den Jahren 1906-1910 in Erfahrung zu bringen (S.15-18).

Die Zeugnisse der Zeitzeugen der Azusa Street 312

Jean Darnall (damals 3 Jahre alt)

Jean Darnall war 3 Jahre alt, als sie von ihrer Mutter zu den Versammlungen mitgebracht wurde. Sie erinnert sich an den Nebel im Azusa Street Gebäude, der während der 31/2 Jahre immer gegenwärtig war. Im Nachhinein bezeichnet sie diesen Nebel als die Shekina-Herrlichkeit (S.21-23).

Schwester Carney (damals 17 Jahre alt)

Schwester Carney war damals 17 Jahre alt und erzählte von Heilungswundern, die stattfanden, wenn für die Menschen ganz persönlich gebetet wurde (S.27). Die größten Wunder geschahen laut ihrer Aussage, wenn die „Flammen“ über dem Gebäude waren (S.35). Wenn Seymour kam, setzte er sich auf Gottes Geheiß hin und zog eine Box über den Kopf, manchmal 10 Minuten, manchmal bis zu einer Stunde. Wenn er dann die Box abnahm, hatte er Vollmacht, um zu dienen und zu heilen. Mit diesem Akt der Demut zeigte er seinen Gehorsam zu Gott. Schwester Carney berichtete, dass Menschen von einem elektrischen Schock getroffen wurden, nachdem sie von Bruder Seymour berührt worden waren. Ihr passierte es das erste Mal bei einer Versammlung und sie fiel beinahe in Ohnmacht, so stark war der Stromschlag. Sie wurde gefragt, was denn die Erweckung in der Azusa Street zum Aufhören brachte, und sie erklärte, dass sie ab dem Zeitpunkt langsam zurückging, als Bruder Seymour seinen Kopf nicht mehr unter der Box verschwinden ließ (S.36).

Schwester Carney berichtet ferner, dass die Feuerwehr mehrmals erschienen sei, um ein Feuer zu löschen - doch in Wahrheit waren es die „übernatürlichen Flammen“ über der Azusa Street, die wie ein Feuer leuchteten. Sie hat selbst gesehen, wie Feuer, das vom Himmel herabkam, sich mit dem Feuer, das aus dem Gebäude aufstieg, vereinigte, so wie es ihr John G. Lake (pfingstlicher Heiler), der auch an den Versammlungen in der Azusa Street teilnahm, gesagt hatte (S.37). Diese Manifestation war aber nicht jedes Mal da. Trat diese göttliche „Feuerverbindung“ auf, so war die Kraft Gottes im Gebäude besonders intensiv zu spüren (S.38).

Bruder Anderson (damals 15 Jahre alt)

Er berichtet von vielen Heilungswundern, die er erleben durfte, wenn er für die Menschen betete. Auch er bestätigt, dass die Erweckung sich ab dem Zeitpunkt abzuschwächen begann, an dem Bruder Seymour nicht mehr die Box über seinen Kopf tat. Seiner Meinung nach hat er dem Druck der Menschen, die dies absurd fanden, nicht standgehalten und wurde Gott gegenüber ungehorsam (S.49).

Über die „Shekina-Herrlichkeit“ berichtet er: Es war wie ein schwaches Glühen einer rauchgleichen Substanz in der Dämmerung, das stärker wurde, wenn Gott wirkte. Dieser Nebel füllte manchmal das ganze Gebäude und Bruder Seymour spielte manchmal mit seinen Füßen darin (S.49-50).

Auch er berichtet von einem Feuer: Es sah aus, wie wenn 10 Meter hohe Flammen herniederkamen und sich mit den Flammen verbanden, die vom Gebäude der Azusa Street 312 aufstiegen. Er verglich dieses Feuer mit dem brennenden Busch von Moses. Wenn Menschen in Zungen sangen, wurde die Kraft stärker und die Salbung fiel auf die Versammlung (S.50).

Bruder Sines (damals 26 Jahre alt)

Bruder Sines fragte Seymour, was er unter der Box mache. Dieser erwiderte, dass er nachsinne und auf Gott warte. Er würde sich selbst im Flüsterton sprechen hören, aber immer würde er in Zungen reden und trotzdem genau wissen, was er sagte. Sines erzählte außerdem von dem Leuchten um die Box herum, wenn Seymour darunter saß (S.57).

Bruder Riggs (damals 12 alt)

Ralph Riggs erlebte Azusa als Teenager. Er berichtet von der „Shekina-Herrlichkeit.“ Diese war wie dichter Nebel und wurde sogar noch dichter, wenn Seymour in den Raum trat, so dass der Fußboden nicht mehr zu sehen war. Manche spielten sogar darin Verstecken (S.66).

Schwester Lucille and Laura (damals 18 und 16 Jahre alt)

Lucille erzählt, dass sie oft bis zu ihrem Kopf in der Herrlichkeitswolke saß. Manchmal spielte sie auch wie ein kleines Kind mit dem Nebel, legte sich hinein und atmete tief ein. Sie konnte die Energie spüren und verglich den Nebel mit reinem Sauerstoff, der wunderbar einzuatmen war. Wenn Bruder Seymour da war, verstärkte sich die Wirkungsweise und man konnte noch besser einatmen (S.90-91).

Auch Schwester Laura erlebte Wunder, wenn sie für Menschen betete. Sie berichtet von der Heilung einer Frau mit Lungenkrebs, die anschließend ihren Arzt konsultierte, der die Heilung bestätigte. Dieser Mann war Thomas White, der später einen eigenen Heilungsdienst gründete, Wings of Healing, und Wunder in Hülle und Fülle erlebte (S.93).

Bruder Cantrell (damals 21 Jahre alt)

Viele, die damals täglich von Gott gebraucht wurden, um Wunder zu wirken, verloren diese Kraft nach dem Ende der Erweckung und konnten in ihrem weiteren Lebensverlauf keine Wunder mehr wirken. Bruder Cantrell sagte, dass jeder, der mindestens einmal in der Woche und möglichst lange an den Versammlungen teilnahm, auf Gebet hin Wunder wirken konnte (S.96).

Bruder Garcia (damals 18 Jahre alt )

Garcia berichtet, dass die Auswirkung der Herrlichkeitswolke und der Kraft Gottes eines Tages sich ½ Meile um das Gebäude der Azusa Street 312 manifestierten. Sogar der nahe gelegene Bahnhof wurde von der Wolke erfasst. Menschen stiegen aus dem Zug, und sobald sie die Plattform überquerten, fielen sie zu Boden und sprachen in Zungen. Frank Bartleman hatte eine Erklärung dafür. Er sprach von einer „Linie“ oder einem „Blutkreis“ (gemeint ist das Blut Jesu) rund um das Gebäude, wo sich Gottes Kraft manifestieren würde. So konnte man erleben, dass Menschen geheilt wurden, in Zungen sprachen oder einfach unter der Kraft Gottes umfielen, selbst wenn sie eine halbe Meile vom Gebäude entfernt waren (S.100-101).

Bruder Garcia sah ebenfalls die Feuerflamme über dem Gebäude. Wann immer sie zu sehen war, wusste er, dass gerade ein Wunder durch Seymour stattfand – sogar Arme und Beine sollen nachgewachsen sein. Die „Shekina-Wolke“ im Raum war manchmal nur einen Fuß hoch und er legte sich hinein, um den reinsten Sauerstoff einzuatmen (S.101).

Bruder Garcia war der erste und einzige, der mit Tom Welchel über die „100-Jahr-Prophetie“ von Seymour im Jahre 1909 oder 1910 sprach. Gemäß dieser Prophetie würde die Shekina-Herrlichkeit wieder erscheinen, und es würde eine Erweckung folgen, die das Wirken Gottes in der Azusa Street bei weitem übertreffen werde. Bruder Garcia sagte: „Wir brauchen die Shekina, wenn wir eine weltweite Erweckung erleben wollen“ (S.101). Auch Charles Parham prophezeite im Jahre 1910 eine große Erweckung in 100 Jahren, so Bruder Garcia. Seymour soll seine Prophetie allerdings nach Parham abgegeben haben. Bei den Gebeten um Heilung traten unter anderem Schüttelphänomene auf, und manchmal schoss Elektrizität durch den ganzen Körper (S.102-106).

Der „Azusa Code“

Ab S.129 wird unter dem Titel Discover the Azusa Code (Erkunde den Azusa Code) beschrieben, was wir tun können, um einen Weg für Erweckung zu bereiten. Das Jahr 2008 soll ein „Jahr der Vorbereitung“ gewesen sein - um die Gemeinde auf die Wiederkunft Christi vorzubereiten.

Gemäß der Autoren hatte sich die Gegenwart Gottes - die „Shekina“ - im Jahre 1906 sprichwörtlich in der Azusa Street 312 niedergelassen; erstmals seit der Wanderung der Israeliten in der Wüste hatte Gott wieder eine irdische Adresse. Seit Jesu Wirken auf der Erde und dem Pfingstereignis (Apg 2) war die Erweckung in der Azusa Street das wichtigste und einschneidendste Ereignis der Christenheit. Es war wirklich der „Himmel auf Erden“ (S.130).

Damit wird die Erweckung in der Azusa Street 312 im Jahre 1906 zu einem Muster (blueprint) für Gottes Heimsuchungen in der Zukunft (S.131-132). Welchel zitiert 2Chronika 7,14: „Wenn mein Volk sich demütigt, und sie beten und sie suchen mein Angesicht und kehren um von ihren bösen Wegen, dann werde ich vom Himmel her hören…“ Wenn dies praktiziert wird, dann soll es, so die Autoren, auch die erwünschten Resultate hervorbringen: eine Erweckung. Damit wird Erweckung jedoch von Menschen „machbar.“ Das Tun des Menschen setzt folglich die Souveränität und das freie Wirken Gottes außer Kraft.

Was die Erweckung in der Azusa Street im Jahre 1906 auszeichnete, war die Shekina-Herrlichkeit Gottes, die über drei Jahre lang anhielt. Diese Herrlichkeit war eine sichtbare Manifestation von Elementen, die das Heiligtum formten, um die Gegenwart Gottes aufzunehmen. Welchel spricht davon, dass es alleine Gottes Zeitplan ist, eine neue Erweckung wie jene in der Azusa Street zu schenken. Demut, Gehorsam, Gebet, Reinheit und Erwartung, so Welchel, waren die Eigenschaften der ersten Pfingstgläubigen, die das „Wirken Gottes“ ermöglichten.

Bewertung

Welchel folgt als Pfingstgläubiger natürlich den theologischen Überzeugungen seiner Bewegung, die, vorwiegend arminianisch geprägt, an die Machbarkeit von Erweckungen glaubt. Wird nur viel und lang genug gebetet, Buße getan oder Sünden bekannt - der Azusa Code -, dann muss es eine Antwort Gottes in Form einer Erweckung geben. Beeinflusst vom Methodismus Wesleys führen die Pfingstler bis heute revival meetings, Erweckungsversammlungen, durch. Dem Calvinisten und Erweckungsprediger Jonathan Edwards (1703-1758) war die Vorstellung von der Machbarkeit einer Erweckung völlig fremd. Für ihn lag es in der Souveränität und dem freien Gnadenwirken Gottes, wann, wo und in welchem Ausmaß Gott erweckliches Wirken schenkt. Der Mensch kann sich zwar heiligen und Gott hingeben, aber niemals durch sein Tun eine Erweckung garantieren.

Eingangs wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Autoren die Ereignisse um die Azusa Street 312 vorwiegend mit Schriftstellen aus dem Alten Testament beglaubigen wollen. Sie lesen in die vorwiegend alttestamentlichen Texte das hinein, was ihre pfingstliche Erfahrung anscheinend biblisch legitimieren soll. Insbesondere die Schilderung des Verhaltens von William Seymour, der als ein „Zeichen der Demut“ eine Box über den Kopf zog, um auf diese Weise mit Gott „in Kontakt zu kommen,“ mag zwar an die Schilderung von Moses und einer Decke über seinem Angesicht erinnern, sollte uns indes sofort die Worte des Paulus an die Korinther ins Gedächtnis rufen: „Da wir nun eine solche Hoffnung haben, so gehen wir mit großer Freimütigkeit vor und tun nicht wie Mose, der eine Decke über sein Angesicht legte...“ (2Kor 3,13-13).

Es ist doch gerade das Kennzeichen des neuen und herrlicheren Bundes, dass wir das Angesicht nicht mehr verhüllen und dass die Hoffnung der Herrlichkeit in uns nicht mehr vergänglich ist! Und man darf nicht vergessen, dass das Verhüllen des Angesichts Mose schließlich ein Zeichen der vergehenden Herrlichkeit war, die sich äußerlich manifestierte, als auch ein Zeichen der Verstocktheit des Gottesvolkes (2Kor 3,13-14).

Müssen sich die Pfingstler angesichts dieser Tatsache nicht den Vorwurf gefallen lassen, dass sie in ihrer Wundersucht und ihrem Streben nach den Charismen der Urgemeinde Verstockung erfahren haben und die „Herrlichkeit“ ihrer sogenannten „Erweckungen“ immer vergehen muss, da sie nicht bereit sind, sich dem ganzen Ratschluss Gottes zu beugen, und „mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn schauen“ (2Kor 3,17-18). Die herrliche Gegenwart Gottes - die „Shekina“ - ist im Neuen Bund durch den Heiligen Geist in die Herzen der Gläubigen ausgegossen. An keiner Stelle des Neuen Testaments wird für dieses Gnadenzeitalter, in dem wir leben, eine Verheißung gegeben oder nur angedeutet, dass sich Gottes Herrlichkeit erneut in sichtbarer Form wie etwa im Alten Testament offenbaren wird.

Aber weitere Merkwürdigkeiten kann man in dem Buch von Welchel und seinen Mitautoren erkennen. Ob sich die „100-Jahr-Prophetie“ von Seymour und Parham tatsächlich in dieser Weise ereignete, wird in der reichhaltigen Literatur, die mir bekannt ist, nirgendwo bestätigt. Auch eine erneute Recherche im Internet brachte hierzu keine weiteren Belege. Sollte die „100-Jahr-Prophetie“ tatsächlich ausgesprochen worden sein, entsteht spätestens am Ende dieses Jahres 2010 ein Glaubwürdigkeitsproblem, sofern sich die noch größeren Manifestationen der Herrlichkeitsgegenwart mit den begleitenden Wundern nicht einstellen. Dann wären entweder die Väter der Pfingstbewegung mit ihren falschen Prophetien diskreditiert, oder man muss die Prophetien von vorneherein als geschichtlich nicht nachweisbar oder gar als erfunden einstufen, was wiederum die Augenzeugenberichte und letztlich auch Welchel unglaubwürdig machen würde.

Ein weiterer Kritikpunkt an dem Buch ist, dass Jean Darnalls Prophetie aufgrund ihrer Vorkenntnis über Tom Welchel als problematisch zu gelten hat, da sie aus der Kenntnis über ihn prophezeit, also gewissermaßen die Möglichkeit besteht, dass sowohl sie selbst als auch Welchel aus dem Seelischen (dem Fleische nach) gehandelt haben. Dass Welchel natürlich 40 Jahre später die gesamten Ereignisse um die Veröffentlichung seines Buches als „Gottes Führung“ betrachtet, entbindet auch ihn nicht von der Eventualität, dass es sich um eine selbst erfüllende Prophetie handelte, also gar nichts mit einer vom Geist Gottes gewirkten prophetischen Rede zu tun hat. Wenn dem so wäre, erweist sich einmal mehr die Kritik der Gegner der Pfingstbewegung als richtig, dass vieles, was sich unter Pfingstlern und Charismatikern ereignet, auf der emotionalen Ebene - Paulus nennt es das Fleisch - erklärbar ist.

Ferner, sich auf „Augenzeugenberichte“ einer Dreijährigen sowie anderer zumeist sehr junger und im Geist unerfahrener Personen zu verlassen, als auch der Hinweis, dass eine Reihe von Fehlern in den Berichten in der 2. Auflage 2008 bereits korrigiert werden mussten, ist nicht gerade ein gutes Argument für die Glaubwürdigkeit des Buches. Dass sich übernatürliche Dinge ereignet haben mögen als auch Wunder und Zeichen, steht hier nicht zur Diskussion. Vielmehr gilt es im Licht der Schrift zu prüfen, ob das, was sich ereignete, von Gott und vom Heiligen Geist gewirkt war oder von einem anderen Geist (2Kor 11,1-4). Letzteres scheint angesichts der Früchte der pfingstlich-charismatischen Bewegung der Fall zu sein.

Es sei noch auf einen weiteren Umstand hingewiesen, der nachdenklich stimmen sollte. Die Schilderung der Flammen, die von „unten“ aufstiegen und sich mit den Flammen, die von „oben“ herabkamen, vereinigten, als auch der sichtbare Nebel, der von einigen der Augenzeugen mit reinem Sauerstoff verglichen wurde, das alles sind Phänomene, die der sinnlichen und sichtbaren Ebene zuzuordnen sind und auch im Okkultismus und im New Age nicht unbekannt sind. Wir aber wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Bei dem ersten Pfingsten in der Apostelgeschichte 2,1-4 wurden zum letzten Mal sichtbare und hörbare Phänomene - die Feuerzungen und das Brausen aus dem Himmel - geschildert.

In allen neutestamentlichen Briefen als auch in der frühen Kirchengeschichte und in den großen Erweckungen des 17. und 18. Jahrhunderts sind derartige Phänomene abwesend. Erst mit dem Auftreten der Pfingstbewegung im Jahre 1906 und vor allem in der charismatischen Bewegung im Verlauf der letzten Jahre traten derartige Erscheinungen wieder auf. Auch bei dem umstrittenen pfingstlichen Heilungsprediger William Branham (1909-1965) manifestierten sich Lichterscheinungen. Seine Anhänger sahen darin Gottes Wirken; Kritiker verweisen auf natürliche Erklärungen für die aufgetretenen Phänomene. Bedenklich war allerdings, dass die Lichterscheinungen bei einem Mann auftraten, den selbst die Pfingstler als Irrlehrer und falschen Propheten bezeichneten.

Lichterscheinungen, Flammen, Nebel und neuerdings Goldstaub und Federn, die vom Himmel fallen, oder das Öl, das plötzlich aus Händen und Bibeln trieft, sowie weitere Manifestationen, Visionen und übernatürliche Phänomene befriedigen allenfalls die Neugier und Wundersucht einer irregeführten Gemeinschaft jener Menschen, die weder dem biblischen Jesus noch der Heiligen Schrift folgen.

Jesus warnte vor falschen Propheten, vor falschen Lehrern und falschen Wunderwirkern kurz vor seiner Wiederkunft. Sowohl der falsche Prophetismus als auch Irr- und Sonderlehren, die sich über die charismatische Bewegung in den letzten Jahrzehnten in die Pfingstbewegung hineingefressen haben, und die vielen „Wunder“, die einer genaueren Untersuchung in den aller seltensten Fällen Stand halten, stimmen nachdenklich und müssen sich zu der berechtigten Frage verdichten: Ist nicht die pfingstlich-charismatische Bewegung das Sammelbecken für die falschen Propheten, Lehrer und Wunderwirker, vor denen Jesus und die Apostel uns in der Endzeit warnen? Und welche, wenn nicht diese Bewegung, sollte sonst die biblischen Merkmale der endzeitlichen Verführung aufweisen?

Wer das Buch gelesen hat, muss jedenfalls am Ende seiner Lektüre mehr Fragen beantworten als am Anfang seiner Lektüre.

2010: Eine weltweite Ausgießung des Heiligen Geistes?

Würden sich tatsächlich Seymours und Parhams Prophetie erfüllen, dürfte man eine Megaerweckung von unglaublichem Ausmaß in diesem Jahr 2010 erwarten. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass diese Prophetie bei anderen Autoren, die sich mit der Geschichte der Erweckung der Azusa Street befassen, - auch bei jenen aus pfingstlich-charismatischem Hintergrund (Vinson Synan, Frank Bartleman [ein langjähriger Augenzeuge und Berichterstatter der Ereignisse!], Roberts Liardon sowie führende Vertreter der weltweiten Pfingstbewegung) -, an keiner Stelle erwähnt wird! Somit findet diese Prophetie anscheinend vorwiegend oder ausschließlich Verbreitung in der charismatischen Prophetenbewegung. Bislang gibt es, soweit mir bekannt, keine Stellungnahme oder Bestätigung eines Pfingstlers zu der besagten Prophetie.

Rick Joyner und seinen Mitarbeitern hingegen ist diese Prophetie bekannt. Jason Hooper, Mediendirektor und „Erweckungsprediger“ in der MorningStar Fellowship Church, der Gemeinde von Rick Joyner, bezog sich in einer Predigt auf diese Prophetie.1 Und auch Randy Clark ist diese Prophetie nicht unbekannt, denn er sagt auf seiner Webseite: „Ich glaube, wir sollten die Erfüllung dieser Prophetie erwarten, die uns auf eine Ebene des Heilungsdienstes bringen wird, wie wir sie seit 100 Jahren nicht gekannt haben.“2 Randy Clark war einer der wichtigsten Protagonisten des sogenannten Toronto-Segens, einer charismatischen „Erweckung“ in den 1990er Jahren, die vom kanadischen Toronto ausging und bis heute in der pfingstlich-charismatischen Bewegung nachwirkt.

Es ist davon auszugehen, dass der bekannte Mike Bickle, der sowohl Kontakte zu Randy Clark als auch zu Rick Joyner pflegt, ebenfalls von dieser „100-Jahr-Prophetie“ Kenntnis hat. Mike Bickle berichtet bereits seit November 2009 von einer „Erweckung“ in seiner Gemeinde in Kansas City. Mike Bickle und die „Kansas City Propheten“ Paul Cain und Bob Jones, die in der Vergangenheit immer wieder durch falsche Prophetien und Sexskandale in die Schlagzeilen gerieten, prophezeien seit Jahrzehnten eine globale Megaerweckung entgegen der Heiligen Schrift, die einen großen endzeitlichen Abfall voraussagt (2Thess 2).

Der kanadische „Erweckungsprediger“ Todd Bentley, der im August 2008 durch Ehebruch und Alkoholprobleme vorübergehend seinen Dienst ruhen ließ, sagte in einer Predigt am 26.1.2010 in Rick Joyners Gemeinde, dass die Erweckung in der MorningStar Fellowship Church im Februar diesen Jahres (2010) explodieren würde.3 Natürlich stellt sich Bentley zur Verfügung, wenn der „Geist etwas Neues gebären“ will. Sehr manipulativ betonte Bentley: „Ich glaube, euch ist noch nicht klar…, was daraus werden könnte.“ Die pseudocharismatischen Erweckungen funktionieren nämlich nur, wenn sich die Masse leichtgläubiger Charismatiker (und Pfingstler) in die Irre führen lässt – andernfalls gibt es keine „Erweckung“. Bislang - zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Artikels im März 2010 - ist die „Explosion der Erweckung“ ausgeblieben.

Der charismatischen Bewegung kommt der Trend entgegen, dass seit Jahrzehnten die Erfahrungsreligiosität im Allgemeinen und in der charismatischen Bewegung im Besonderen boomt. Parallel zu dem Trend der Suche nach Erfahrungen und Erleben beobachtete der Theologe David Wells eine Entwicklung unter Evangelikalen und Protestanten (sowie besonders unter Charismatikern/Pfingstlern), die er als das „Verschwinden der Theologie“ bezeichnete.4 Die Heilige Schrift und die daraus abgeleiteten Lehren traten in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Hintergrund. „Dagegen hat sich die erlebniszentrierte Nachfrage nach Religion in den 90er Jahren zunehmend mit individuellen ästhetischen und therapeutischen Interessen verbunden: ›Gut ist, was mir gut tut!‹… Eine derart innenorientierte Spiritualität hält alles Objektive und Institutionelle, Riten, Symbole und Texte nur insoweit für belangvoll, wie sie bestimmte Wirkungen im religiösen Subjekt hervorrufen: Gefühle, Stimmungen, Ekstasen, Betroffenheit, Ergriffenheit, Trance,“ so der Autor Hans-Joachim Höhn.5

Höhn schreibt über die Sehnsucht nach dem frommen Kick, die seiner Ansicht nach die Autorität der Schrift beschädigt: „An die Stelle der Autorität überlieferter heiliger Schriften tritt auch bei seinen [des Christentums] Anhängern zunehmend eine Glaubensgewissheit, die sich im eigenen Erleben finden lässt. Die religiös Aufgeschlossenen dieser Tage suchen Indizien dafür, dass die Türen der Offenbarung nicht schon vor 2000 Jahren oder mit der Endredaktion der Evangelien definitiv geschlossen wurden. Ihr Pochen auf Gottesunmittelbarkeit im religiösen Erleben protestiert gegen die Ungnade der späten Geburt; es tritt ein für die Ebenbürtigkeit mit der Gründergeneration des Christentums… Die Suche gilt neuen Möglichkeiten des Direktkontakts, von denen nur bekannt ist, dass sie Wege der Erfahrung und des Erlebens sein sollen.“6

Sollte es charismatischen Führern wie Bickle, Joyner oder Bentley gelingen, die Sehnsüchte der Charismatiker zu bündeln, ihrem „Pochen auf Gottesunmittelbarkeit im religiösen Erleben“ entgegenzukommen, könnte es 2010 doch noch zu einer weiteren pseudocharismatischen „Erweckung“ kommen mit all den negativen Begleiterscheinungen, die man in den vergangenen Jahren beobachten konnte. Die vielen verführten Verführer unter den Charismatikern wären ohne ihr Publikum nie zu dem geworden, was sie heute sind. Darum sind sowohl die einen wie die anderen zu tadeln, die charismatischen Führer mit ihrer verfremdeten und verwässerten Evangeliumsbotschaft und ihre vielen leichtgläubigen Nachfolger und Anhänger. Letztere sind nicht bereit, ihr Kreuz auf sich zu nehmen und ihr Leben um Christi willen hinzugeben, sondern sie streben lieber nach Erfahrungen und Erlebnissen, nach einem kurzlebigen frommen Kick, statt nach der wahren Frucht des Heiligen Geistes.

Abgesehen davon, ob Seymour und Parham die „100-Jahr-Prophetie“ wirklich ausgesprochen hatten oder nicht, wird man spätestens 2011 die Frage klären können, ob diese Prophetie, an der vor allem die charismatische Prophetenbewegung in den USA keinen Zweifel hegt, eingetreten ist. Ein charismatisches Spektakel, das dem gleicht, das Todd Bentley mit seiner „Lakeland Erweckung“ (Mai - August 2008) entfacht hatte, dürfte man allerdings nicht als eine Erfüllung dieser Prophetie ansehen. Schon während der „Lakeland Erweckung“ hatten sich namhafte Charismatiker und Pfingstler wie J. Lee Grady, Dutch Sheets und George O. Wood äußerst kritisch zu Wort gemeldet und in diesem Ereignis eine falsche Erweckung erkannt.


Anmerkungen

1 Videoaufzeichnung Harvest Power vom 26.1.2010 bei 78 min 25 sec.
URL: http://www.freshfireusa.com/media/0,99.
2 A Word from Randy Clark to Upcoming Conferences:
“As many of you know I consider myself a student of revival. I love reading about it, studying it, hearing about it and most of all living in it. I recently read a book by Tommy Welchel called “Azusa Street: They Told me Their Stories.” It’s a powerful book about lives of people who were touched by the revival at a very young age. In reading this book, I realized this revival was marked by the Shekinah Glory of God. I read something else, though, that has gripped me ever since. In 1909 or 1910 (the writer is unsure), both William J. Seymour and Charles Parham prophesied that in about 100 years 'there would be a return of the Shekinah Glory and a revival that would surpass the Works of God at Azusa.' I believe that as we go into this that we should expect the fulfillment of this prophesy which will bring us into a level of healing that we have not seen for 100 years.”
URL: http://www.globalawakening.com/Groups/1000014266/Global_Awakening/Global/Conferences/Conferences.aspx. 3 Videoaufzeichnung Harvest Power vom 26.1.2010 bei 108 min 20 sec.
URL: http://www.freshfireusa.com/media/0,99.
4 David Wells, Der Aderlass der Gemeinde. In: Gemeindegründung Nr.85, 1/2006, S.25-30.
URL: http://www.kfg.org/archiv/pdf/artikel/085%20Wells%20Aderlass%20der%20evangelikalen%20Gemeinde.pdf.
5 Höhn, Hans-Joachim: Erlebnisgesellschaft! - Erlebnisreligion? Die Sehnsucht nach dem frommen Kick, Aus: Hofmeister, Klaus; Bauerochse, Lothar (Hrsg.): Die Zukunft der Religion. Spurensicherung an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, Würzburg (Echter) 1999, S.20-21.
6 Ebd., S.19-20.

Montag, 8. März 2010

Die Neue Neutralität 7


John E. Ashbrook erteilte freundlicherweise die Genehmigung, sein Buch New Neutralism II ins Deutsche zu übersetzen und auf diesem Blog zu veröffentlichen. John Ashbrooks Vater, William Ashbrook, verfasste im Jahre 1948 ein Traktat, das sich kritisch mit dem gerade entstandenen Neoevangelikalismus seiner Zeit auseinandersetzte. Dieses Traktat wurde laufend erweitert und später in Form eines Buches mit dem Titel Evangelicalism: The New Neutralism veröffentlicht, das mehrere Neuauflagen erlebte. Nach dem Tod seines Vaters führte John Ashbrook das geistliche Vermächtnis seines Vaters fort. Er überarbeitete und aktualisierte das Buch seines Vaters und veröffentlichte ein Buch unter dem Titel New Neutralism II. Auch dieses Buch erlebte eine Reihe von Neuauflagen.

Dass die Gedanken von William und John E. Ashbrook seit nunmehr 60 Jahren immer wieder neu nachgefragt werden, ist ein Zeichen, dass nicht alle Evangelikalen jedem Wind der Lehre folgen. Dieser Blog wird nach und nach alle 13 Kapitel des Buches New Neutralism II veröffentlichen. Das Buch vermittelt einen Einblick in die Anfänge und Entwicklung des Neoevangelikalismus und ist ein aufschlussreiches Dokument evangelikaler Zeitgeschichte, das zum Nachsinnen und Durchdenken evangelikaler Positionen anregen soll.

Wer das Buch in englischer Sprache bestellen will, kann es für nur 4.00 $ (+ Porto) bestellen: hier
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"Mister Revolutionär" und Campus für Christus

Als das Fuller Seminar 1947 seine Türen öffnete, war einer der neuen Studenten ein junger Geschäftsmann namens Bill Bright. Er war von Henrietta Mears, Bildungsdirektorin der Hollywood Presbyterian Church, auf das Seminar hingewiesen worden. Er brachte sein Studium dort nicht zu Ende, sondern verließ das Seminar, um den Dienst zu gründen, der unter dem Namen Campus Crusade for Christ (Campus für Christus) bekannt wurde.

Projekt Revolution

Revolution war ein populäres Wort auf dem Campus vieler Universitäten in den 1950er und 1960er Jahren. Bright benutzte das Wort ständig und versuchte ihm eine christliche Bedeutung zu geben. Brights Buch Revolution Now (Revolution jetzt) wurde von Campus für Christus mit folgendem Klappentext des Buches wie folgt beschrieben:

Revolution Now wird Sie mit dem größten Revolutionär bekannt machen, der jemals lebte, Jesus Christus, und Sie werden Teil einer revolutionären Strategie werden, um die Welt zu verändern.“

Es ist offenkundig, dass Jesus Christus diese Bezeichnung nie für sich selbst reklamierte, aber Bright hatte Gefallen daran. In einem Artikel mit dem Titel „History’s Greatest Revolutionary“ (Der größte Revolutionär der Geschichte), den er für die Zeitschrift Collegiate Challenge (Band 6 / Nr.1) schrieb, heißt es:

„Sind Sie an einer Revolution interessiert? Wollen Sie dem sozialen Übel dieser Welt begegnen? Wir laden Sie ein, mit uns zusammen dem größten Revolutionär aller Jahrhunderte zu folgen. Er lebt.“

In einer Schrift von Campus für Christus mit dem Titel Crusade in Action (Evangelisation in Aktion) wird ein Zitat von Bright angeführt, in dem es heißt, dass „Jesus Christus der größte Revolutionär der Geschichte ist… Wenn wir ihm folgen, werden auch wir Revolutionäre sein.“

An den Universitäten, in denen Bright aktiv war, gab es viele Studenten, die sich für eine Revolution à la Lenin, Mao, Che Guevara und Herbert Marcuse begeistern konnten. In diesem Kontext von Jesus Christus als dem „größten Revolutionär der Geschichte“ zu sprechen, war nicht angemessen. Keiner der Jünger, die Seelen zum Heil führen wollte, versuchte, Revolutionäre zu rekrutieren. Jesus Christus berief idealistische, junge Männer, die bereit waren, das Kreuz auf sich zu nehmen und ihm nachzufolgen. Von einer Revolution war nie die Rede. Die Jünger waren nicht gesandt, um einen Feldzug zur Veränderung der Welt auszuführen. Das Motto von heutzutage erinnert an die soziale Agenda des National Council of Churches. Schließlich war dies eines der drei Hauptziele von Dr. Ockenga.

Die Zeitung Herald Examiner in Los Angeles zitierte in ihrer Ausgabe vom 25. März 1969 in einem Artikel mit dem Titel „Students Dig Christ but Hate the Church“ (Studenten stehen auf Jesus, aber sie hassen die Kirche) einen Mitarbeiter von Campus für Christus, der Brights Methode erläuterte:

„Wir sind keine Typen, die johlen und brüllen, und wir zwingen die Kinder nicht dazu, in die Kirche zu gehen. Das ist das Letzte, was wir tun würden… Wir sagen ihnen, dass Christus der größte Revolutionär war, der jemals lebte und dass er der größte unangepasste Mensch der Welt war. Das macht die Kinder wirklich neugierig. Mit einem solchen Christus können sie sich identifizieren.“

Es ist wahr, dass die moderne Jugend sich mit einem Rebellen identifizieren kann. Aber es sollte ausreichen, wenn man darauf hinweist, dass die Apostel ihren Erlöser nicht auf diese Weise charakterisierten. Für sie war er der sündlose Sohn Gottes, der sich selbst für unsere Sünden hingab. Der Mensch in seiner Rebellion muss Buße tun und dem Evangelium glauben. Ferner strebten die Apostel stets an, dass jeder Bekehrte einer Gemeinde angehörte, die von Ältesten geleitet wurde.

Vorwärts in Großformat

Das zweite Kennzeichen von Campus für Christus war Größe. Bill Bright hat nie in kleinen Dimensionen gedacht. Er war jemand, der Ziele setzte und „EXPLOS“ (Großveranstaltungen) produzierte. Im Februar 1987 zeichnete Bright einige seiner Ziele und EXPLOS in Form eines Interviews auf:

„Es gab auch eine Reihe von bedeutenden Ereignissen und Programmen, die wir als ‚Strategien‘ bezeichnen. Es gab die EXPLO `72, die in Cotton Bowl 85.000 Menschen zusammenbrachte, um sie in Evangelisation und Jüngerschaft zu schulen…

EXPLO `85 war auch ein Meilenstein für uns. Es war die größte Fernsehkonferenz, die jemals abgehalten wurde. Mehr als 250.000 Delegierte aus 164 Ländern wurden an 98 verschiedenen Orten geschult…

Wir planen EXPLO `90 als eine Satelliten-Konferenz, um diese großen Pläne auszuführen. Achtzehn Satelliten werden eingesetzt, um 5000 Orte zu erreichen. Wir erwarten fünf Millionen Teilnehmer, und weitere Millionen, die wir per Kabel und Satellit erreichen.“

Im November 1980 berichtete Religious Broadcasting über die „Here’s Life, Korea“-Evangelisation und bezeichnete sie als „die größte Evangelisation in der Geschichte der Christenheit.“ Insgesamt sollen daran 16.750.000 Menschen teilgenommen haben. Das ist in der Tat enorm. In dem Bericht heißt es weiter:

„Nahezu die Hälfte der Zuhörer erhoben sich Abend für Abend, um dem Aufruf zur Bekehrung durch Bill Bright von Campus für Christus Folge zu leisten und zu demonstrieren, dass sie sich entschieden hatten, Jesus Christus als ihren Herrn anzunehmen.

Am letzten Abend, an dem man die Zuschauer auf 2.7 Millionen Personen schätzte, standen etwa 1.8 Millionen Menschen auf, um sich für den missionarischen Dienst zur Verfügung zu stellen.“

Bright selbst fühlte sich zu der Aussage gedrängt: “In der gesamten Kirchengeschichte gibt es nichts, was mit dem vergleichbar wäre, was wir diese Woche gesehen haben.”

Ich glaube, dass meine Leser mir zustimmen, dass es sich hierbei um eine außerordentliche Größenordnung handelt. In einer Zeit, in der ein Großteil der bekennenden Kirche vom Glaubensabfall gekennzeichnet ist, in einer Zeit, in der treue Pastoren um jede einzelne Seele kämpfen, und angesichts der Tatsache, dass wir die Realität einer Entscheidung (zur Bekehrung) erst dann beurteilen können, wenn wir eine Veränderung durch den Heiligen Geist beobachten können, scheint es da nicht unweise zu sein, uns unserer Größe zu rühmen, bevor Gott sein Ja zu alledem gibt?

Die Bibel ist ein Bericht über kleine Dinge. Gottes Werk war immer die Geschichte einer verachteten Minderheit, die einer überwältigenden Mehrheit gegenüberstand. In diesen letzten Tagen verheißt uns Gottes Wort, dass dies noch mehr zutreffen wird. Der Mensch hat seine Methoden verherrlicht: die "Vier Geistlichen Gesetze" (Bill Brights verwässerte Kurzversion des Evangeliums), EXPLOS, Telekonferenzen und großartige Aufrufe. Aber Gott ist noch immer der Gott der Theologie. Wenn Gottes Geist das menschliche Herz nicht in eine Wiedergeburt führt, sind alle Methoden nur leere Verführungen. Pfingsten, die Reformation, die großen Erweckungen – keine dieser Ereignisse waren das Produkt menschlicher Methoden. Sie alle waren das Ergebnis einer göttlichen Intervention. Die Meister des Großartigen mit ihren Methoden täten gut daran, es Gott selbst zu überlassen, wann sich die größten Dinge in der Kirchengeschichte ereignen.

Eine der neuesten Methoden von Campus für Christus hatte mit einem Film über Jesus zu tun. Die Mitarbeiter von Campus für Christus bezeichnen ihn gewöhnlich als den „Jesus-Film.“ Es wird berichtet, dass Nelson Bunker Hunt, der eine Milliarde Dollar für „Here’s Life“ sammelte, sechs Millionen Dollar beisteuerte, um den Jesus-Film zu drehen. In einem Interview vom Februar 1987 in Christian Life sagte Dr. Bright Folgendes:

„Wir glauben auch, dass der Herr Wege eröffnet, um unsere Ziele zu erreichen. Bis zum Jahr 1995 erwarten wir, dass es 5000 Teams gibt, die den ‚Jesus-Film‘ an mindestens fünf Abenden pro Woche fünf bis zehn Millionen Menschen an jedem Abend zeigen werden.

Wir organisieren auch 5000 Ausbildungszentren in städtischen wie ländlichen Gebieten in aller Welt. Wir schätzen, dass diese Zentren bis zum Jahr 2000 zweihundert Millionen Jünger ausbilden können. Diese Leiter werden dabei helfen, zwischen 10-20 Millionen Hausbibelkreise zu gründen, um diejenigen zu betreuen, die durch unsere Evangelisation zu Christus kommen.“

In Lukas 18,8 stellte Christus seinen Jüngern eine bohrende, rhetorische Frage: „Aber wird der Sohn des Menschen auf Erden Glauben finden, wenn er wiederkommt?“ Ist es für den Menschen recht, wenn er seine enthusiastischen Projektionen herausruft im Lichte der düsteren Voraussagen Christi für das Ende der Tage? Glauben Sie Brights Vorhersagen mehr als denen von Christus? Um in diesem Zeitalter in rechter Weise dienen zu können, muss man der biblischen Endzeitlehre Gottes folgen.

Anpassung

Das dritte Kennzeichen von Campus für Christus ist dieser klassische Aspekt der Neutralität, der Anpassungsfähigkeit. Die Welt, das Fleisch und der Teufel haben stets ein Angebot an Dingen, die dem natürlichen Menschen gefallen, die die Wahrheit verdrehen oder die das Interesse der Gläubigen von der Wichtigkeit der Schrift ablenken. Ein treuer Pastor muss diese Dinge erkennen und ihnen durch die Schrift widerstehen. Der Neo-Evangelikalismus hat sich allerdings nie damit beschäftigt, gegen etwas zu sein. Das wäre zu negativ und könnte seinem positiven Image schaden. Das Ziel des Neo-Evangelikalismus war Anpassung. Sein Motto lautete: „Bekämpfe nicht, womit du dich eins machen kannst.“

Einführung der Rockmusik

Campus für Christus hatte mit Rockmusik nie Probleme. Nichts widersteht dem Evangelium so sehr wie das Ethos der Rockmusik. Doch Rockmusik ist der Rhythmus, den man heute an den Universitäten hört. Campus für Christus hat als eines der ersten Dinge die Rockmusik eingeführt. Mein Vater betonte in seinem Buch Evangelicalism: The New Neutralism, dass Paul Stookey, Peter Yarrow, Pat Boone, Andre Crouch und ein Heer von Rockmusikern bei der EXPLO `72 zum Einsatz kamen. Etwa um das Jahr 1984 produzierte Paragon Experience, ein Dienstzweig von Campus für Christus, eine Multimedia-Produktion mit dem Titel „The Dreamweaver“ (Der Traumweber). Die Rezension über den Film in Good News Broadcaster führte aus:

„Im Gegensatz zu traditionellen Filmen enthält The Dreamweaver nur zwei Minuten mit Dialogen. Stattdessen wird der Verlauf der Geschichte mithilfe von Bildern aufgezeigt, die genau mit den Texten zeitgenössischer Musik von den Beatles, John Denver, Simon and Garfunkel, Kansas, Styx und anderen Popmusikern synchronisiert wurden, um diese stereophonische (räumliches Hören) Musik mit der Handlung zu verbinden.“

Wie kann die Musik dieser Welt Gottes Botschaft weitergeben? Antwort: Sie kann es nicht.

Öffnung für das Zungenreden

Campus für Christus öffnete sich auch der charismatischen Bewegung. Wir haben bereits gesehen, dass dies auch für den Neo-Evangelikalismus galt. Im Evangelical Newsletter vom 27. Mai 1983 heißt es:

Campus für Christus, die konservativ-evangelikale Organisation, deren Einfluss weit über die ursprünglichen Ziele an Universitäten hinausgeht, hob kürzlich das Verbot für ihre weltweiten Mitarbeiter auf, in Zungen zu reden. Das Verbot wurde Mitte der 1960er Jahre erteilt, als die charismatische Bewegung in die etablierten Denominationen Einzug hielt. Einige Beobachter glauben, dass Bill Bright, der Gründungspräsident, von seinem ältesten Sohn beeinflusst wurde, der am pfingstlichen Life College in Los Angeles studierte.“

Dieser Schritt war zu erwarten. Die große Zahl an Zuhörer, die Campus für Christus bei den EXPLOS für sich beanspruchte, kann man heutzutage nicht erreichen, ohne dass die charismatische Bewegung daran teilnimmt. Derartig viele Menschen kann man nicht erreichen, wenn man seinen Mitarbeitern verbietet, in Zungen zu reden. Campus für Christus veranstaltete eine Großevangelisation in Kenia, Afrika, für den deutschen Pfingstprediger Reinhard Bonnke. In der bereits erwähnten „Here’s Life, Korea“-Evangelisation übernahm Paul Yonggi Cho, Pastor der 150.000 Mitglieder starken Full Gospel Central Church in Seoul (heute hat die Gemeinde über 850.000 Mitglieder und gilt als die größte Pfingstgemeinde der Welt), eine führende Rolle. Kompromisse mit der charismatischen Bewegung einzugehen, gehört heute zu den notwendigen Begleiterscheinungen in der ökumenischen Bewegung.

Freundschaft mit dem Katholizismus

Campus für Christus ist dem Beispiel Billy Grahams gefolgt und hat die ablehnende Haltung gegenüber dem römischen Katholizismus aufgegeben. Ein hervorragender und erhellender Artikel über diese Anpassung erschien in Pastoral Renewal im April 1986. Der Artikel wurde von einem Mitarbeiter von Campus für Christus, John Nyquist, verfasst, der die Arbeit der Organisation in Zentraleuropa koordinierte. Nyquist führte seine Erfahrungen von Florenz, Italien, an, wo sich die bekehrten Studenten von der katholischen Kirche distanzierten, aber abgeneigt waren, sich protestantischen Kirchen anzuschließen. Der Artikel kommt voller Freude zu folgender Lösung:

„Während das Evangelisationsteam mit diesem Problem kämpfte, schenkte Gott einen Sonnenstrahl. Durch Kontakte in einer Bibelstunde kam es dazu, dass das Team von Campus für Christus ein Bankett für Geschäftsleute organisierte, um das Evangelium erfolgreich zu verkünden. Ein Priester, der daran teilnahm, war von der Darlegung des Evangeliums sehr beeindruckt. Er erkannte, dass es nicht darum ging, seine Leute für die protestantischen Kirchen zu gewinnen, sondern dass es sich lediglich um einen direkten Aufruf handelte, dass Menschen ihr Herz für Christus öffneten.

Der Priester lud eine Mitarbeiterin von Campus für Christus ein, in seiner Pfarrei einen Bibelkreis für Frauen zu gründen, und als das Werk wuchs, bat er einen Mitarbeiter von Campus für Christus, sich um die Jugend in seiner Pfarrei zu kümmern. Die kleine Gruppe von Studenten seiner Pfarrei reagierte mit Enthusiasmus auf den Aufruf des Teams, die Bibel ernst zu nehmen und sich einmal in der Woche zu einem Bibelstudium zu treffen. Die Lösung entwickelte sich zu einem Dilemma für das Evangelisationsteam: eine Gruppe von Studenten und Mitarbeitern von Campus für Christus waren nun in das Bibelstudium und die Evangelisation eingebunden und standen unter Aufsicht des katholischen Priesters der Pfarrei.“

Nachdem Nyquist die Einzelheiten dieser Zusammenarbeit geschildert hatte, nannte er eine Reihe von Lektionen, die er aus dieser Erfahrung gelernt hatte:

„Protestanten und Katholiken können zusammenarbeiten, wo sich die Leiterschaft der Autorität der Bibel und ihrer Relevanz im täglichen Leben des Klerus als auch des Laien unterwerfen.

Wenn der lokale Pastor, Priester oder Bischof überzeugt werden kann, dass es keine heimliche Zielsetzung gibt und dass der Dienst integer ist, kann das Werk fortschreiten, und Gott wird Ehre und Herrlichkeit empfangen.

Alle Teilnehmer in diesem ökumenischen Dienst müssen bereit sein, Kritik von wohlmeinenden Verwandten, Freunden und Kollegen zu ernten, was eine sichere Folge ihres Handelns sein wird.

Wenn diese Prinzipien in die Tat umgesetzt werden, wird der Trend zu einer kooperativen Evangelisationsarbeit zwischen Protestanten und Katholiken, und zwischen parakirchlichen Organisationen und der offiziellen Kirche weiterhin Resultate in Europa hervorbringen.“

Die Zeitschrift Australian Beacon zitiert im Mai 1980 Dr. Bright mit folgender Aussage: „Wir greifen die katholische Kirche nicht an. Wir glauben, dass Gott ein mächtiges Werk in ihr tut und zweifelsohne Millionen von Katholiken dazu gebrauchen wird, die Welt zu evangelisieren.“

In dem oben zitierten Artikel in Pastoral Renewal findet man eine Reihe von Kommentaren über den Erfolg der „Here’s Life“-Evangelisation in der Schweiz, die von Campus für Christus organisiert wurde:

„Einer der Gründe für diesen Erfolg ist, dass die lokalen Kirchen – reformiert, römisch-katholisch oder freikirchlich – von Anfang an zusammengearbeitet haben. Dies verhalf dazu, Menschen anzuziehen, denn die meisten von ihnen haben Verbindungen, wenn auch lockere, mit einer dieser Kirchen.

Die etablierten Kirchen, nämlich die Reformierte und die Römisch-Katholische Kirche, haben die Führung in dieser Bewegung übernommen, und sie sind diejenigen, die die Ernte einbringen in Form von einer inneren Erneuerung und Begeisterung.“

Diese Zitate zeigen, wie sich Campus für Christus der katholischen Kirche und der Ökumene anpasste. Zwangsläufig muss der Neo-Evangelikalismus immer im Ökumenismus enden.

Dr. Brights letzte EXPLO wurde unter der Bezeichnung New Life 2000 bekannt. Der „Jesus-Film“ war der Schlüssel in diesem Projekt. Billy Graham war der Ehrenvorsitzende dieser Veranstaltung. Ted Engstrom von World Vision hatte den Vorsitz des International Committee of Reference. Dr. James Dobson, der Psychologe, und Dr. Charles Stanley von den Südlichen Baptisten waren im Beratergremium tätig. So arbeitet das Netzwerk der Neutralität.

Neuer Zeitplan für die Entrückung

Dr. Bright passte sich in weiteren Dingen an, was für viele noch beunruhigender sein mag, da es sich um eine Anpassung in Lehrfragen handelte. In einem offiziellen Brief, der einen weiteren Dienst von Campus für Christus, The Agape Movement, ins Leben rief, schrieb Bright:

„Ich glaube, dass wir derzeit die größte geistliche Erweckung seit Pfingsten erleben. Die heutigen Möglichkeiten, die Welt mit der frohen Botschaft von Gottes Liebe und Vergebung zu erreichen, sind größer als je zuvor.“

Das hört sich wunderbar an, aber wie verhält es sich mit dem biblischen Bild einer Welt, die immer übler wird und dem Gericht entgegengeht, während das Ende dieses Zeitalters immer näher rückt? Bright beantwortete diese Frage in einem Interview in Christianity Today am 24. September 1976:

Frage: Die Schrift scheint darauf hinzudeuten, dass die Situation der Welt am Ende dieses Zeitalters schlimmer werden wird und dass die Liebe unter den Christen erkalten wird. Es erscheint demnach so, dass die Wiederkunft des Herrn nicht mehr jeden Augenblick stattfinden kann, da Sie eine große Erweckung erwarten.

Antwort: Ich persönlich glaube nicht, dass sich die Wiederkunft des Herrn jeden Augenblick ereignen kann. Ich glaube, dass die gängige Lehre, die Wiederkunft Christi könne sich jeden Augenblick ereignen, viele, viele Christen dazu motiviert, die Hände in den Schoß zu legen und den Worten Jesu ungehorsam zu sein. Jesus sagte, dass wir arbeiten sollen, denn die Nacht wird kommen, wo kein Mensch mehr wirken kann. Gemäß der Schrift zögert er seine Wiederkunft hinaus, damit die Menschen eine Chance haben, auf ihn zu hören.“

Dr. Bright entschloss sich offenkundig ex cathedra, dass die Wiederkunft Christi zu jedem Augenblick nicht in seine Agenda passt.

In der Juni/Juli-Ausgabe von Wittenburg Door (christliches Satiremagazin) aus dem Jahre 1978 heißt es:

“Was die Vision von Bill und Vonette Bright betrifft, zeichnet sich ein sehr radikales Element in ihr ab. Im Grunde widerspricht Bill den Millenialisten, das ist die Wahrheit. Ich habe ihn nie gefragt, und ich bin mir sicher, dass er es niemals zugeben würde, aber es ist so. Was meine ich damit? Meide die Leute, die glauben, sie müssten die Menschen dieser Welt und dieser Generation vor der Entrückung für Christus gewinnen (Sie wissen, dass Hal Lindsay Campus für Christus verlassen musste, weil Bill nicht wollte, dass dispensationalistische Theologie in seiner Organisation Verbreitung findet – sie sei zu negativ). Er glaubt, wenn die Welt erst einmal errettet ist, dann wird es einen wichtigen zweiten Schritt im Sinne einer Heiligung geben (was ihn näher an Charles Finney als an Billy Graham rückt). Die Gläubigen werden automatisch die Gesellschaft wiederherstellen. Sie werden den Krieg und Rassismus und alles weitere besiegen.“

Über die sozialen Ziele des Neo-Evangelikalismus habe ich in diesem Buch bereits berichtet. Es erscheint mir so, als ob Bright es zuließ, dass seine soziale Agenda zur Revision seiner Eschatologie (Lehre von der Endzeit) beitrug. Sollten Sie glauben, dies sei ein revolutionärer Schritt im Neo-Evangelikalismus gewesen, dann ist dem nicht so. Der Neo-Evangelikalismus begann mit dem Prämillenialismus, aber erfuhr einen Wandel hin zum Amillennialismus oder Postmillennialismus.

Über "Mister Revolutionär" und Campus für Christus könnte man noch vieles sagen. Es ist nicht möglich, den Einfluss von Dr. Bright zu unterschätzen, den er auf den heutigen Neo-Evangelikalismus hatte. Er ist einer derjenigen, der aufrüttelte und etwas bewegte. Er personifiziert die Neutralität in Aktion. Revolution, Größe und Anpassung – das ist Campus für Christus, die einflussreichste Organisation an den Universitäten in der neoevangelikalen Strömung.


Anmerkungen

Millennialismus: Die Millenialisten (auch: Chiliasten) erwarten ein sichtbares Tausendjähriges Reich auf Erden.
Amillennialismus: Amillennialisten vertreten die Ansicht, dass es kein sichtbares Tausendjähriges Reich in der Zukunft geben wird.
Prämillennialismus: Prämillenialisten lehren, dass sich die Wiederkunft Christi vor dem sichtbaren Tausendjährigen Reich ereignen wird. Der historische Prämillennialismus geht bis auf die Kirchenväter der ersten nachchristlichen Jahrhunderte zurück.
Postmillennialismus: Postmillennialisten vertreten die Überzeugung, dass das Tausendjährige Reich aus dem Gemeindezeitalter hervorgeht und die Welt nach und nach für den christlichen Glauben gewinnt und "verchristlicht." Die Wiederkunft Christi ereignet sich schließlich nach dem Tausendjährigen Reich.
Dispensationalismus: Dispensationalisten glauben wie die Prämillennialisten an eine Wiederkunft Christi vor dem Tausendjährigen Reich. Der klassische Dispensationalismus vertritt eine scharfe Trennung zwischen Israel und der Gemeinde.

Samstag, 6. März 2010

Chile-Beben hat Erdachse verschoben


SPIEGEL Autor Axel Bojanowski über die Auswirkungen des Erdbebens in Chile:

Das Erdbeben in Chile hat heftige Auswirkungen auf den gesamten Globus. Laut Nasa-Forschern haben die Erschütterungen die Erdachse verschoben, die Erdumdrehung beschleunigt - und so die Tage verkürzt. Geologen warnen vor drastischen Folgen: Scheinbar erloschene Vulkane könnten ausbrechen...

Aber auch die Erdkugel hat die Erschütterungen nicht so einfach weggesteckt. Das Beben - es war das fünftstärkste, das je gemessen wurde - hat die Erdachse verschoben: um acht Zentimeter, berichten Geophysiker der Nasa. Der Heimatplanet habe nun eine etwas schiefere Position, melden die Forscher. Das Beben hat der Erde demnach zudem einen Drall verpasst...


... den ganzen Artikel lesen: hier


Die Erde wird taumelm wie ein Trunkener

und wird hin und her geworfen wie ein Hängebett;

denn ihre Missetat drückt sie,

dass sie fallen muß und kann nicht stehenbleiben.

Jesaja 24:20

Angriff auf die Normalität


Junge Freiheit Redakteurin Ellen Kositza über die Gender Mainstreaming Agenda:

Gleichberechtigung ist mittlerweile ein beinahe verzopftes Wort, Gleichstellung lautet die Devise und letztlich Gender Mainstreaming (GM) die Zielstellung. Das heißt nicht weniger als die Aufhebung des herkömmlichen binären Geschlechtersystems mit zwei Exponenten: Mann und Frau. Daß Frauen Mathematikprofessuren innehaben und Männer als Krankenpfleger reüssieren können, ist dabei fast ein alter Hut. GM ersetzt die alten Frauenfördermaßnahmen keinesfalls, sondern erweitert sie beträchtlich. Als Dorn im Auge empfinden heutige Entscheider die sogenannte Heteronormativität selbst westlicher, aufgeklärter Gesellschaften.

Heteronormativität ist ein negativer Kampfbegriff: Beanstandet wird von den Mainstreamern, daß in diesem als Ordnungssystem mit der klassischen Familie als Angelpunkt mangelnde Akzeptanz herrsche für andere Formen sexuellen Verhaltens: für Homo- und Bisexuelle, für Polyamory (nicht-monogam lebende Menschen) und – unter vielem anderen – für sogenannte Transgender, Menschen mit unklarer sexueller Identität. Es geht dabei um mehr als um „Toleranz“ gegenüber solcherlei Veranlagungen, sondern um PR-mäßige Maßnahmen, mit denen diese „erweiterten geschlechtlichen Identitätskonzepte“ von Kindergarten und Schule an als Normalität eingepflanzt werden sollen...


... den ganzen Artikel lesen: hier

Wahre Gläubige drücken sich nicht vor dem Gehorchen


A. W. Tozer

Jetzt aber, von der Sünde freigemacht und Gottes Sklaven geworden, habt ihr eure Frucht zur Heiligkeit, als das Ende aber ewiges Leben (Römer 6,22). In unseren Tagen wird völlig übersehen, dass der Glaube Christi ein absoluter Gebieter ist!


Er bestimmt die gesamte erlöste Persönlichkeit und beansprucht das Individuum so sehr, dass alle anderen Ansprüche ausgeschlossen bleiben. Oder genauer: Er schränkt alle legitimen Ansprüche ein und entscheidet ohne Zögern, welchen Platz jeder Anspruch im Gesamtbild einzunehmen hat.

Der Akt der Hingabe an Christus bei der Bekehrung befreit den Gläubigen von der Sündenstrafe; aber er befreit ihn nicht von der Verpflichtung, den Worten Christi Folge zu leisten. Vielmehr bringt er ihn unter die freudige Notwendigkeit, zu gehorchen!

Seht euch die Briefe des Neuen Testaments an und ihr erkennt, in wie starkem Maße und wie zweifelsfrei sie ermahnender Natur sind! Indem wir die Briefe in »lehrmäßige« und in »ermahnende« Teile zerlegten, haben wir uns selbst von der Notwendigkeit des Gehorsams befreit. Die lehrmäßigen Teile erfordern nichts von uns als geglaubt zu werden. Die so genannten ermahnenden Teile sind harmlos genug, schon wegen des Wortes, mit dem wir sie benennen, weil sie mehr als Rat und Ermunterung und viel weniger als Befehle aufgefasst werden, denen nachzukommen ist. Das ist offensichtlicher Irrtum.

Die Ermahnungen sind als apostolische Forderungen zu verstehen, die das Gewicht der autoritativen Ansprüche des Hauptes der Kirche haben. Sie sind zu befolgen, und nicht unserer Willkür überlassen. Wenn wir den Segen Gottes erfahren wollen, müssen wir mit dem Gehorchen anfangen!

aus: Verwandelt in sein Bild, S.227


Freitag, 5. März 2010

Europas Wächterrat


Die Zeitschrift Junge Freiheit über die "simple Schwarzweißmalerei" des Europarats:

Zu den überflüssigsten Institutionen auf diesem Kontinent gehört das „Komitee gegen Rassismus und Intoleranz“ (ECRI) des Europarats. Diese Woche hat der europäische Wächterrat wieder zugeschlagen und gleich vier seiner berüchtigten „Länderberichte“ veröffentlicht. Am Pranger diesmal: Österreich und Großbritannien, aufgereiht neben Albanien und Estland.

Österreich wird von den Zeigefingerhebern schon zum vierten Mal abgekanzelt; ein Umstand, über den indigene Gutmenschen prompt in empörte Verzückung geraten. Und das ist ja auch der Zweck der Veranstaltung: ECRI versteht sich als Rückendeckung und Stichwortgeber für Volkspädagogen und Sozial- und Umerziehungsindustrie in den einzelnen europäischen Staaten...


...zum ganzen Artikel: hier

USA: Atheisten tauschen Bibeln gegen Pornos


Schweinereien für Schweinereien" tauschen Atheisten in San Antonio derzeit – so zumindest lautet der Titel ihrer kontroversen Aktion. Gemeint ist: Wer eine Bibel, einen Koran oder eine andere Glaubensschrift abgibt, bekommt dafür ein Pornoheft.

Vor dem Universitätsgebäude der Universität von Texas steht seit Montag ein Büchertisch der anderen Art. Neben Bibeln und Koran liegen dort Pornohefte. Studenten ab 18 Jahren können Medienberichten zufolge bei der "Atheisten-Agenda" ein einfaches Tauschgeschäft machen. Wer eine religiöse Schrift abgibt, bekommt ein Pornoheft kostenlos...


...zum Artikel im Medienmagazin pro: hier