Sonntag, 17. Mai 2009

Francis Schaeffers Einsichten über die Pfingstbewegung


Francis Schaeffer (1912-1984), amerikanischer Theologe, Apologet und Gründer von L’Abri, untersucht in seinem Buch Die neue religiöse Welle (Originaltitel: The New Super-Spirituality) die Entwicklungen unter der Jugend seiner Zeit. Mit klarem Blick analysiert er die Trends der 1960er und 1970er Jahre.

In einem Kapitel schreibt er seine Beobachtungen zur Pfingstbewegung nieder. Die Tendenzen, die Schaeffer schon zu seinen Lebzeiten erfasste, haben sich in hochgradigem Maße heute in dieser Bewegung ausgebreitet und verfestigt. Seine Hauptkritikpunkte an der modernen Pfingstbewegung sind daher aktueller denn je. Bevor wir einige Zitate näher betrachten, hier ein Überblick der Kritik Schaeffers an der Pfingstbewegung der 1970er Jahre:


- die unbiblische Lehre vom Heiligen Geist und den Geistesgaben
- die Betonung äußerer Zeichen, statt biblischer Inhalte
- äußere Zeichen (Manifestationen) als Maßstab für Gemeinschaft
- ein kompromissbereiter Ökumenismus und Synkretismus
- Aufweichung biblischer Positionen
- Preisgabe oder zumindest Verwässerung biblischer Inhalte
- Emotionalismus als Grundlage des Glaubens


Schaeffer und das „Neupfingstlertum“

Schaeffer unterscheidet zwischen dem alten Pfingstlertum und dem Neupfingstlertum. Ersteres zeichnete sich seiner Ansicht nach - abgesehen von der unbiblischen Lehre der Geistestaufe - durch eine Hochachtung vor der Schrift und einer klaren Verkündigung des Evangeliums aus. Er schreibt:

„Positiv ist zu sagen, dass die alte Pfingstbewegung lehrmäßig weithin biblisch orientiert war, wenn sie auch eine eigene und unbiblische Lehre vom Heiligen Geist und den Geistesgaben verkündigte. Dogmatische Übereinstimmung wenigstens war die Mindestvoraussetzung für Gemeinschaft und Aufnahme. Wenn man nicht die richtige Lehre vertrat, konnte man weder Mitglied noch Pastor in dieser Gemeinschaft werden. Die alte Pfingstbewegung legte großes Gewicht auf die Schrift, was der Evangelisation der Pfingstbewegung, z. B. in Südamerika, eine ungeheure Dynamik verlieh.

Es handelt sich also um Menschen, die das Evangelium lehrten, die Hochachtung vor der Schrift hatten und dem Heiligen Geist den gebührenden Platz einräumten. In einer solchen Situation wird Gott die Menschen gebrauchen – auch wenn sie Fehler machen. Und wir machen alle Fehler. Wenn wir das Evangelium klar verkündigen, die Heilige Schrift in ihren Aussagen als Maßstab anerkennen und dem Heiligen Geist den ihm zukommenden Platz einräumen, dann wird Gott uns segnen, auch wenn wir Fehler machen. Und ich wiederhole: keiner von uns ist ohne Fehler.“ (S.25)


Schaeffers Ablehnung einer erfahrungsorientierten Theologie

Schaeffer legt bezüglich einer erfahrungsorientierten Theologie seinen Finger in eine wunde Stelle der Pfingstbewegung. Man warf dieser Bewegung von Anfang an vor, dass sich ihre Theologie zu sehr auf Erfahrungen gründete und dass die Schrift im Licht der Erfahrungen der ersten Pfingstler interpretiert wurde. Pfingstler hingegen verteidigten ihre Sichtweise als eine “pragmatische“ Methode der Bibelauslegung. Selbst moderne pfingstliche Theologen wie Robert Menzies räumen ein, dass „wir unsere [die pfingstliche] Theologie auf Schriftstellen gründeten, deren Zusammenstellung kaum Rücksicht auf die ursprüngliche Absicht des Autors nahm“ (Robert P. Menzies, “The Essence of Pentecostalism: Forum Conducted at the Asia Pacific Theological Seminary Chapel,” Paraclete 26/3, 1992).

Schaeffer führt aus:

„Mit dem Aufkommen des Neupfingstlertums hat sich die Situation verändert. Allgemein kann gesagt werden, dass die neue Pfingstbewegung die Betonung auf die äußeren Zeichen selbst legt und nicht auf die Inhalte, und sie macht diese äußeren Zeichen zum Maßstab für Gemeinschaft und Aufnahme. Mit anderen Worten, wenn man diese Manifestationen aufweisen kann, gehört man dazu, ist man »in«.

Die Schwierigkeit ist nur: es gibt auch Gruppen bei den Unitariern und auch bei den Buddhisten, die diese äußeren Merkmale aufweisen. Darüber hinaus können diese äußeren Dinge imitiert und vom Teufel gefälscht werden. Somit stehen wir heute vor einer Situation, die sich wesentlich von der Zeit der alten Pfingstbewegung unterscheidet. Die alte Pfingstbewegung hat einen Pastor entlassen, der eine führende Rolle im Neupfingstlertum innehatte, weil man der Meinung war, er führe sie in einen kompromissbereiten Ökumenismus und Synkretismus. Sie erkannten darin eine Aufweichung der biblischen Position.

Man kann auch Ähnlichkeiten zwischen den Neupfingstlern und der modernistischen Theologie entdecken. Die modernistischen Theologen glauben nicht an die Verbindlichkeit der biblischen Aussagen und an religiöse Wahrheit. Bei ihnen handelt es sich in Wahrheit um Existenzialisten, die eine theologische, christliche Terminologie benutzen. Daraus folgert, dass sie mit allen anderen erfahrungsorientierten Gruppierungen, die sich einer religiösen Sprache bedienen, Gemeinschaft haben können.“ (S.26)

Schaeffer und sein Standpunkt zum Emotionalismus

Schaeffer vertritt den Standpunkt, dass nicht Emotionalismus oder Erfahrungen das Problem darstellen. Der gläubige Christ darf durchaus emotional sein und Gott erfahren, aber er sollte niemals Emotionen oder Erfahrungen zur Grundlage seines Glaubens machen. Besonders bemerkenswert ist seine Einschätzung, dass bereits unter den Pfingstlern seiner Zeit völlig entgegengesetzte Anschauungen vertreten und als „biblisch“ angesehen werden konnten. Diese Beobachtung kann man heute nicht nur in der Pfingstbewegung als Ganzes, sondern gleichfalls in vielen lokalen Pfingstgemeinden vor Ort machen.

Schaeffer fasst seine Beobachtungen so zusammen:

„Im Neupfingstlertum hat eine Preisgabe oder zumindest Verwässerung biblischer Inhalte stattgefunden. Bislang war es die christliche Praxis, eine Person auf der Basis dessen anzunehmen, was er glaubt. Heute werden die äußerlichen Manifestationen zum Kriterium erhoben. Fragen, die bisher für wichtig genug angesehen wurden, um Unterschiede zu markieren – und das gilt bis zurück zur Reformation und noch weiter -, werden heute unter den Teppich gekehrt. Es scheint, dass bei der neuen Pfingstbewegung, genau wie bei den Modernisten, bei wichtigen Lehrfragen völlig entgegengesetzte Standpunkte eingenommen werden können – und beide als richtig akzeptiert werden. Mit anderen Worten: Inhalte zählen nicht, wenn nur die äußeren Zeichen und die religiöse Emotion vorhanden sind.

Wenn wir die jungen Menschen ansehen, die dieser neuen Pfingstbewegung verhaftet sind, können wir bestimmt nicht zu dem Schluss kommen, dass viele von ihnen überhaupt keine Christen seien. Ich bin ganz sicher, dass viele von ihnen wirklich Christen sind. Aber auch dies ist wahr: Wo wir diesen jungen Menschen begegnen, haben wir es immer wieder mit dem Faktum zu tun, dass viele von ihnen einen Glauben ohne rechten Inhalt haben. Die Erfahrung ist alles. Gefühl (oder Emotionalismus) ist die Grundlage.

Natürlich müssen wir an dieser Stelle vorsichtig sein. Wir vertreten nicht den Standpunkt, dass es keine Erfahrungen und keine Gefühle geben solle. Es gibt sie, und es muss sie geben. Aber weder Erfahrung noch Emotion ist die Grundlage unseres Glaubens. Die Grundlage unseres Glaubens ist, dass es verbindliche Wahrheiten gibt. Der ganze Mensch, einschließlich seines Verstandes, muss der Tatsache Rechnung tragen, dass gewisse Dinge wahr sind. Das wird uns selbstverständlich in eine erfahrbare Verbindung mit Gott bringen. Aber die Basis ist der Inhalt und nicht die Erfahrung. Paulus, Jesaja und andere Propheten, und auch Jesus Christus selbst, sehen das zumindest so. Diese Sicht der Dinge zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Schrift.

Aber wenn wir Menschen begegnen, die in dieser Art christlichen Platonismus verfangen sind und ihnen die Frage stellen, woher sie denn wissen, dass sie Christen sind, reden sie sehr oft nur von ihren eigenen Erfahrungen und ihren eigenen Gefühlen.“ (S.26-28)


Aus dem Buch: Francis A. Schaeffer, Die neue religiöse Welle, Hänssler-Verlag, 1973, S.25-28