Freitag, 27. Januar 2012
Peter Scazzero und das Enneagram
Willow Creek, Peter Scazzero und Enneagramme, die „auch mit einer vermeintlich christlichen Einfärbung eine esoterische Lehre“ bleiben
Auf der deutschen Webseite Enneagramm.de wird das Buch Das Enneagramm – die 9 Gesichter der Seele von Andreas Ebert und Richard Rohr mit folgenden Worten vorgestellt:
„Das Buch Das Enneagramm – Die 9 Gesichter der Seele von Andreas Ebert und Richard Rohr erschien vor 20 Jahren im Claudius Verlag. Es avancierte zum Standardwerk zur Typologie des Enneagramms und hat in den letzten 20 Jahren viele Menschen bei ihrem persönlichen Wachstum begleitet. 45 Auflagen und die Übersetzung in 16 Sprachen sprechen für sich...
Heute gilt der Titel, der 1989 zeitgleich mit zwei weiteren Büchern zum Enneagramm auf dem deutschsprachigen Buchmarkt erschien, als Standardwerk zum Enneagramm, es wurde - inzwischen in der 45. Auflage - in 16 Sprachen übersetzt und über 400 000 Mal verkauft.“ (hier)
Über die Anfänge des erfolgreichen Buches heißt es weiter:
„Das Buch Das Enneagramm - Die 9 Gesichter der Seele war zunächst umstritten. Manche innerkirchliche Kritiker verorteten das Buch zu stark im 'esoterischen' Bereich und lehnten es vehement ab, teilweise ohne wirkliche Kenntnisse des Inhaltes.
Bei Erscheinen des Buches wagten einige konfessionelle Buchhändler es erst nicht, das Buch öffentlich zu präsentieren, aufgrund der steigenden Nachfrage und nachdem sie sich von der Qualität und vom christlichen Grundgehalt des Buches überzeugt hatten, nahmen sie es dann doch in ihr Sortiment auf.
Die öffentliche Diskussion um das Buch schlug hohe Wellen. Von der Presse wurde es teilweise zerrissen, teils hochgelobt. Kraftvoll wurde für oder gegen das Enneagramm gestritten, Zweifel wurden geäußert und vor Gefahren und falscher Anwendung gewarnt.“ (hier)
Die Wortschöpfung "Enneagramm" geht auf die griechischen Wörter ennea (für neun) und gramma (für Zeichen) zurück und soll „den ‚ganzen Menschen‘ von seiner ‚psychologischen‘ und seiner ‚spirituellen Seite‘ her erfassen ... Das Enneagramm ist eine ursprünglich esoterische Lehre, die zu Beginn der 70er Jahre von der Transpersonalen Psychologie aufgegriffen und mit verschiedenen psychologischen und psychoanalytischen Auffassungen vermischt zu einer Typenlehre weiterentwickelt wurde. Daraus entstand eine ‚christlich-spirituelle‘ Variante, die zunächst in katholischen Kreisen in den USA verbreitet wurde. Von dort gelangte das Enneagramm vor allem durch den amerikanischen Franziskaner Richard Rohr über den Atlantik bis in deutschsprachige Gemeinderäume. Das Enneagramm soll primär der eigenen Selbstfindung und spirituellen Reifung dienen, wird von seinen Anhängern aber auch in der Gemeindearbeit eingesetzt, um mit ihm ‚Energien und Strömungen‘ aller Art ausfindig zu machen.“ (hier)
Problematisch an dem Buch von Richard Rohr und Andreas Ebert ist, dass das Enneagramm „auch mit einer vermeintlich christlichen Einfärbung eine esoterische Lehre ist und bleibt. Besonders deutlich wird dies im Enneagramm-Buch von Rohr und Ebert, in dem eine äußerst kritikwürdige Umdeutung biblischer Begriffe im Sinne des esoterischen Denkrahmens des Enneagramms stattfindet. Unter dem Mantel frommen Vokabulars vermittelt ihr Buch ein unbiblisches Sündenverständnis, bei dem die Sünde des Menschen auf ein rein psychologisches Problem reduziert wird. Folglich ist die Erlösung des Menschen ein rein innerweltlicher Akt, bestehend aus psychologischer Veränderung und geistlicher Reifung. Das Enneagramm verspricht dem Menschen einen Weg der Selbsterlösung. Damit wird unausgesprochen der biblische Sühnetod Christi zur Erlösung des Menschen verneint.“ (hier)
Richard Rohr: Bethlehem wichtiger als Golgatha
Abgesehen vom zweifelhaften wissenschaftlichen Nutzen dieser Methode, fördert das Enneagramm die Lehre der Selbsterlösung des New Age. Das verwundert kaum, wenn man einen der beiden Autoren, den katholischen Franziskaner Richard Rohr, besser kennt. Richard Rohr vertritt interreligiöse Positionen und betet Gott als „Vater-Mutter-Gott“ an. Darüber hinaus sieht Rohr die gesamte Schöpfung als den „Leib Gottes“ an. In einem Artikel mit dem Titel The Eternal Christ in the Cosmic Story (Der Ewige Christus in der kosmischen Geschichte) aus dem Jahre 2009 schrieb Rohr:
„Der Begriff ‚kosmischer Christus‘ erinnert uns daran, dass alles und jeder zusammen gehören. Wir alle sind unwürdig, aber das Geheimnis der Inkarnation bedeutet, dass Gott in uns allen wohnt. Wir sind in der Tat der Leib Christi. Gottes Hoffnung für die Menschheit ist, dass wir alle eines Tages erkennen, dass die ganze Schöpfung eine göttliche Wohnung ist. Christus kommt wieder, wann immer wir erkennen, dass Materie und Geist koexistieren.“ (hier)
Über die Schöpfung sagt Rohr:
„Wenn wir die Vorstellung wiederherstellen, dass die Inkarnation [Christi] bedeutet, dass Gott die Schöpfung liebt, dann werden wir die heilige Dimension der Natur wiederherstellen. Die Pflanzen und Tiere und die ganze Natur sind in uns enthalten. Sie sind Fenster für die unendliche Kreativität, Fruchtbarkeit und Freude Gottes. Wir glauben an einen Wandel in der Geschichte, der Menschheit und der ganzen Schöpfung, der von Christus inspiriert ist. Inkarnation ist bereits Erlösung [= die Lehre des Universalismus]. Bethlehem war wichtiger als Golgatha. Es ist gut, Mensch zu sein. Die Erde ist gut. Gott hat geoffenbart, dass Gott schon immer gegenwärtig war.” (hier)
Das „Geheimnis der Inkarnation“ des Christus im Kosmos wird nach Auffassung von Rohr „zunehmend Akzeptanz in der allgemeinen Spiritualität“ erfahren. Rohr könnte recht haben, wenn man die jüngste Entwicklung im Evangelikalismus wachsam verfolgt. Über die kontemplative Ausrichtung von Peter Scazzero wurde bereits auf diesem Blog berichtet (hier). Scazzero ist einer der Hauptredner der diesjährigen Willow Creek Konferenz 2012 in der Schleyer Halle in Stuttgart vom 26. - 28. Januar.
Peter Scazzero wirbt unter den Evangelikalen für die kontemplative Spiritualität und empfiehlt besonders den Quäker Richard Foster sowie Dallas Willard. Scazzero ist nicht nur Redner auf der diesjährigen Willow Creek Konferenz in Stuttgart, sondern ebenfalls als Partner von Willow Creek auf der amerikanischen Webseite anzutreffen. Willow Creek USA nutzt Scazzeros Artikel, um die mystischen Lehren der Kontemplation zu verbreiten (hier). In seinem Buch Emotionally Healthy Spirituality empfiehlt Scazzero mystische Autoren wie Dallas Willard, Meister Eckhart, Theresa von Avila, Thomas Merton, Richard Foster, Brennan Manning, M. Scott Peck, Basil Pennington, Henry Nouwen, Bruder Lorenz sowie populäre Vertreter der Emerging Church wie Tony Jones und Phyllis Tickle.
Am 11. Januar 2012 empfahl Scazzero nun seinen Anhängern auf Twitter (hier) auch die Webseite The Enneagram Institute World Headquarters. Wie der Name der Webseite unschwer erkennen lässt, handelt es sich um eine Seite, die sich die Verbreitung der Lehre des Enneagramms zum Ziel gesetzt hat.
Leider muss man zu dem Schluss kommen, dass das New Age Gedankengut in der kontemplativen Bewegung nun zunehmend Eingang in den Evangelikalismus findet. Erst kürzlich akzeptierte die „evangelikale“ Universität BIOLA (Bible Institute of Los Angeles) 3 Millionen $ von der Templeton Foundation, einer interreligiösen Stiftung, um an ihrer Universität das Center for Christian Thought zu etablieren (“Biola University”, Christian Post, 4. Januar 2012). John Templeton, Gründer der gleichnamigen Stiftung, ist ein Vertreter der Evoulution und des Pantheismus. Er glaubt, dass alle Religionen zu Gott führen und dass Gott in allen Menschen und allen Dingen wohnt. Templeton ist überzeugt, dass Zeit, Raum und Energie ein Teil von Gott sind.
In Deutschland existiert seit 1990 der Ökumenische Arbeitskreis Enneagramm (ÖAE). Über die Geschichte des ÖAE heißt es auf der betreffenden Webseite:
"1988 besucht Andreas Ebert (ev. Pfarrer damals in Nürnberg) eine Enneagramm-Versammlung des Franziskanerpaters Richard Rohr in den USA. Fasziniert von diesem psychologisch spirituellen Persönlichkeitsmodell schreibt er 1989 zusammen mit Richard Rohr und unterstützt von Marion Küstenmacher “Das Enneagramm – die 9 Gesichter der Seele”. 1989 noch vor Erscheinen des Buches findet in der christlichen Begegnungsstätte Schloß Craheim eine Einführungstagung für Multiplikatoren statt. Tagung und Buch haben einen durchschlagenden Erfolg. Im Winter 1989/90 entsteht der “Ökumenische Arbeitskreis Enneagramm – ÖAE”, der bis dahin größte europäische ökumenische Enneagrammverein." (hier)
Margit Skopnik-Lambach ist eine der Trainerinnen des ÖAE. Sie bot Kurse über Bibliodrama sowie das Enneagramm im JAHR DER STILLE 2010 an. Das Bibliodrama ist eine Ergänzung zum Enneagramm und fester Bestandteil bei der Ausbildung zum Enneagramm-Trainer/in (hier). Zu den Kurselementen zählen "der Umgang mit dem Prozessmodell des Enneagramms, psychologische und theologische Grundlagen der Veränderungsarbeit, Grundkonzepte der Transaktionsanalyse, Selbsterfahrung, Bibliodrama und spirituelle Praxis" (ebd.).
Über das Bibliodrama schreibt Ulrich Skambraks in Gefährliche Stille (CLV, 2010):
"Entstanden ist das Bibliodrama in den 1970er-Jahren in experimentierfreudigen Nischen kirchlicher Erwachsenenbildung. Es hat sich aus dem Bedürfnis heraus entwickelt, biblische Inhalte spielerisch und unter Einbezug eigener Erfahrungen zu erschließen. Im Bibliodrama werden biblische Texte von den Teilnehmern wie auf einer Theaterbühne nachgespielt. Dabei sollen sich die Akteure mehr und mehr öffnen und all ihren Emotionen freien Lauf lassen. Geleitet wird eine solche Gruppe von einem Bibliodrama-Spielleiter. Er hat u. a. die Aufgabe, gruppendynamische Prozesse zu steuern und aufbrechende Gefühlswallungen zu kanalisieren. Im Kern geht es beim Bibliodrama darum, dass die Darsteller eine tiefe Selbsterfahrung machen sollen. Dabei spielen Erlebnisse auf der körperlichen/seelischen/spirituellen Ebene eine wichtige Rolle.
»Theologischer« Ausgangspunkt für das Bibliodrama ist die Annahme, dass Erfahrungen, die Menschen mit anderen und mit Gott gemacht haben, sich in Mythen, Märchen und auch Bibeltexten niedergeschlagen haben. Diese dort versteckten Erfahrungsschätze seien zu heben, wenn man sich in die Figuren und Motive des Textes hineinversetze, sie von innen her erspüre und dann diese inneren Bilder durch Bewegung, Gestik oder Tanz nach außen lasse. So könne man dem Text unmittelbar begegnen...
Das Bibliodrama ist kein einfaches Nachspielen von biblischen Szenen, sondern ein psychologisches Konzept zur Umgestaltung des Menschen. Die Bibel wird dabei u. a. als Sammelband menschlicher Erfahrungen verstanden und nicht als Gottes direkte Mitteilungen an den Menschen. Aussagen der Bibel für gläubige Christen zeigen, wie das Selbsterlösungskonzept des Bibliodramas zu bewerten ist: »Ich bin mit Christus gekreuzigt; und nun lebe ich, aber nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir« (Gal 2,20)" (S.33-34)
Während die Einführung des Enneagramms in christliche Kirchen anfänglich selbst in innerkirchlichen Kreisen umstritten war, scheint es heute so zu sein, dass dieses Gedankengut nicht nur in den großen Kirchen weitesgehend akzeptiert ist, sondern längst unreflektiert Eingang in den Mainstream des Evangelikalismus gefunden hat. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass "Evangelikale" wie Peter Scazerro das Enneagramm empfehlen können und kaum jemand mehr eine kritische Stimme erhebt.